Geschichtliches

Flüchtlingsdorf Gewissenruh

„Certes l´Eternel est en ce lieu en ne je n´an savoie rien.“
(Gewiss ist der HERR an diesen Ort, und ich wusste es nicht! – 1.Mose 28,16) Das französische Bibelzitat über der Eingangstür der Gewissenruher Kirche erinnert an den fernen Ursprung der Dorfbewohner.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden die religiös eigenständigen Waldenser aus ihren Heimattälern in den piemontesischen Alpen zusammen mit den Hugenotten vertriebenen. Nach einer jahrzehntelangen Irrfahrt mit nur zeitweiligem Wohnsitz und immer neuen Aufbrüchen und Abweisungen sind einige Waldenser-Familien vor gut 300 Jahren im Wesertal angekommen. Hier durften sie – mit Erlaubnis und Hilfe des hessischen Landgrafen – die Dörfer Gottstreu und Gewissenruh gründen.


Bis ins 19. Jahrhundert hinein haben die beiden „Franzosendörfer“ ihre religiöse und sprachliche Sonderheit bewahrt und erzählen insofern die Geschichte einer gelungenen Integration. Letztlich haben sich die beiden kleinen Gemeinden aber dem größeren Umfeld angeglichen. Seit 1825 wird Gewissenruh kirchlich vom Pfarrer der Muttergemeinde Lippoldsberg mitbetreut.

Was sind Waldenser?

Waldenser sind Leute, die vor 950 Jahren angefangen haben, selbst in der Bibel zu lesen. Und selbständig zu denken. Und sich nicht mehr vor der römischen Amtskirche bevormunden zu lassen.

Ihre Ursprünge liegen in Südfrankreich und Norditalien.

Ihr Name leitet sich her von einem Kaufmann aus Lyon mit Namen Valdes. Inspiriert durch Worte Jesu, hat er seinen Besitz verkauft, verschenkt
und zog als Wanderprediger durch die Gegend.

350 Jahre vor Luther ließ er die Bibel in die Volkssprache übersetzen.
Die Waldenser zeigen ein Buch, die Bibel, als Grundlage in ihrem Wappen – dazu ihr Motto „Lux lucet in tenebris“ (Das Licht leuchtet in der Finsternis).

Waldenser sind Pazifisten, sie streben nicht nach Macht und Herrschaft. Sie misstrauen Geld und Besitz – und setzen sich für andere ein.

Der mittelalterlichen Kirche war diese christliche Emanzipationsbewegung zu unabhängig. Man hat sie als Ketzer verfolgt; viele wurde getötet, nicht wenige auf Scheiterhaufen verbrannt.

Jahrhundertelang haben Waldenser in abgeschiedenen Alpentälern im Piemont überlebt, wurden dann aber zusammen mit den Hugenotten von einer neuen Welle der Verfolgung erfasst und vertrieben.

Nichtsdestotrotz gibt es bis heute lebendige Waldensergemeinden in Italien, der Schweiz, Deutschland und Südamerika.

Diese beiden Dörfer Gottstreu und Gewissenruh sind die nördlichsten Waldensersiedlungen in Deutschland. Natürlich haben nicht mehr alle Bewohner waldensische Vorfahren. Man kann auch nicht sagen, dass die Menschen der beiden Dörfer besonders fromm wären; aber sie sind nach wie vor durchaus eigensinnig.

Ausführlichere Informationen zum Thema bietet das Waldensermuseum im benachbarten Gottstreu: www.waldenser-oberweser.de/museum.html