Lesekultur
Die „Kirche der Bücher“ ist ein Beitrag, die Lesekultur im Land zu stärken – wozu auch das „Zuhören können“, „Nach-denken“ und „Miteinander reden“ gehört. Dabei sind wir uns der Tatsache bewusst, dass Bücher selbst – wie auch die Kirche – ein angeschlagenes Medium sind. Zwar wächst die Zahl der Publikationen, aber die Lesebereitschaft vieler Menschen nimmt ab.
Das Bücherlesen hat jedoch ganz eigene Qualitäten, die von anderen Medien kaum ersetzt werden können. In Büchern entwickelt sich ein Gedankenfaden Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Die Konsequenz und Geduld, die zum Lesen erforderlich sind, sind auch eine Schule des Denkens. Und eine Grundlage zur kritikfähigen Teilhabe an einer freiheitlichen Gesellschaft.
Der Politologe Herfried Münkler beschreibt, was auf dem Spiel steht: „Die neuzeitliche Demokratie ist ab dem späten 18. Jahrhundert entstanden in dem, was der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan die Gutenberg-Galaxis genannt hat. Mit dem Buch als Wissensspeicher, der Zeitschrift als Diskussionsforum und der Zeitung als kurzfristigem Beobachtungsmedium, und alle drei von der Redaktion bis zum Lektor kuratiert.
Nun bricht die Medienwelt um:
Es gibt eine ungeheure Beschleunigung der Kommunikationsvorgänge und den Wegfall des Kuratierten, bis hin zu dem, was man seit Donald Trump eine postfaktische Welt nennt. Das schlägt auf die Grundlagen der Demokratie durch, in der
die Partizipierenden in der Lage sein sollten, erstens zwischen Sein und Schein zu unterscheiden und zweitens ein gewisses Erfahrungswissen zu haben, aus dem heraus sie Zukunft antizipieren und sich dazu verhalten können … Man kann
nicht sicher sein, ob die Demokratie diesen Wechsel der Kommunikations- und Medienkultur wirklich unbeschadet überstehen wird.“
(Herfried Müenkler „Die fetten Jahre sind vorbei“ – Interview in
www.trend.at vom 11.Juni 2024)
Vielleicht werden die Bücherverbrennungen früherer Autokratien, wie sie Ray Bradbury in seinem Roman „Fahrenheit 451“ als dystopisches Zukunftsszenario beschreibt, gar nicht mehr nötig sein – wenn die Menschheit den Zugang zum Lesen verliert und sich mit Memes oder anderen Kürzest-Nachrichten abspeisen lässt. Der Effekt wäre derselbe.
„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine: „Almansor“, 1823)