Religion als Poesie (eine theoretische Grundlegung)

„Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens noch ungestört wird predigen lassen.“
schreibt Gotthold Ephraim Lessing, als der Hamburger Hauptpastor Goetze ein Publikationsverbot gegen ihn erwirkt hatte.
Das Ergebnis ist das Theaterstück „Nathan der Weise“ – das Manifest religiöser Toleranz.

Es mag befremdlich klingen, aber der Gottesdienst ist ein Medium. Christliche Theologen haben einst biblische Symbole und andere Elemente zu einem gigantischen Gesamtkunstwerk verbunden, in das Dichtung, Musik, Bilder, Architektur, Zeit- und Raumordnung, Kleidung, Essen, Körperhaltungen und -bewegungen und sogar der Geruchssinn einbezogen wurden. Über viele Jahrhunderte hat die liturgische Messe die abendländische Gesellschaft zusammengehalten. Auch die Reformatoren haben den Gottesdienst als Medium genutzt, für eine pädagogischen Umorientierung der Menschen, weshalb dem evangelischen Feiern bis heute ein sehr lehrhafter Charakter anhaftet.
Diese zentralere Rolle hat der Gottesdienst nicht mehr; andere Medien nehmen längst eine viel bedeutendere Stellung ein. Und: „Das Medium ist die Botschaft.“ (Marshall Mc Luhan)

Der Bedeutungsverlust der kirchlichen Rituale in unserem post-konfessionellen Zeitalter ist in mancher Hinsicht schade, aber auch befreiend. Denn religiöse Symbole sind ursprünglich poetische Formen und nicht dazu geeignet, in festgefügte Gedankengebäude eingebunden zu werden. Symbole sind mit ihrem Bedeutungshof zwar nicht beliebig, aber doch vielschichtig und entziehen sich jeder definitorischen Schärfe. Versuche, sie für ein dogmatisches System eineindeutig festzulegen, bedeutet, ihre Lebendigkeit zugunsten von Machtinteressen zu opfern.

„Es gibt im Grunde nur zwei Wege mit der Bibel umzugehen:
Entweder nimmt man die Bibel wörtlich – oder man nimmt sie ernst.
Beides zusammen geht nicht.“ (Pinchas Lapide)

Insofern können wir heute freier mit liturgischen Formen umgehen und entdecken wieder ihre ursprüngliche Verwandtschaft mit den literarischen Grundformen: Epik, Lyrik und Drama.

Lesungen aus der Bibel sind die Grundlage eines jeden Gottesdienstes. Die Bibel ist ein Buch – und biblische Geschichten sind Erzählungen. Gegenwärtig sprechen wir gern von Narrativen, wenn eine Erzählung eine hohe Plausibiliät gewinnt und so verbindende Kraft entwickelt.
Genau das können biblische Geschichten, aber auch andere Erzählungen wie etwa Lessings „Nathan“ leisten. Doch dazu muss man sie „aus dem Regal holen“ und ihre Worte durch Sprechen und mit Musik zum Leben erwecken. Erst durch diese Performanz (Aufführung) können die Worte für die Hörer zu einem bewegenden, bewusstseins- und evtl. auch handlungsverändernden Erlebnis werden.

Gebete sind die andere liturgische Grundform. Gottesdienst ist nichts anderes, „als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.“ Auf diese Weise beschrieb Martin Luther 1544 das Wesen des evangelischen Gottesdienstes.

Gebete sind ein Ausdruck innerer Stimmungen, mal klagend, mal bittend, dankend oder einfach die Wirklichkeit beschreibend. Meist sind Gebete in einer „gehobenen“, in jedem Fall verdichteten Sprache gehalten. Gebete sind also „Ge-dichte“. Und „Gedichte sind magische Gebrauchsartikel“ – das konnte die Autorin Hilde Domin sogar von ganz unliturgischen Texten sagen. Auch hier begegnet wieder die Notwendigkeit der Performanz: Worte müssen ausgesprochen, wiederholt, gepflegt, geübt werden, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Und: Wer singt, betet doppelt. Musik lässt aus Gedichten Lieder werden, gibt ihnen eine emotionale Tiefe und eine durchdringende Körperlichkeit, die über das bloß Bewusste hinausgeht.

Feste sind letztlich nur die dramatische Ausformungen einer Fest-Erzählung. Die besondere Bedeutung der Erzählung begründet die gesteigerte Kreativität, die für die Inszenierung aufgewendet wird. Alle Register des Theatralischen wurden bei liturgischen Gestaltungen seit jeher herangezogen. So kann man z.B. am Karfreitag aufwendig eine konzertante Passion aufführen, einen Kreuzweg abschreiten oder auch nur einfach die Passionsgeschichte lesen. Eine Eigenart liturgischer Dramatisierungen ist, dass sie nicht auf außenstehende Betrachtung (Show), sondern interaktive Teilnahme angelegt sind. Das setzt allerdings voraus, dass Besucher*innen eine gewisse Vertrautheit mit den zu erwartenden Abläufen und Bereitschaft zur aktiven Teilnahme mitbringen, was immer weniger gegeben ist.